Mission – eine Zumutung!?

„Wenn du etwas beginnst, dann führe es auch zu Ende!“, ermahnen Eltern gerne ihren Nachwuchs und wollen – sicher nicht zu unrecht – dazu erziehen, eine Sache nicht halb fertig liegen zu lassen. Umso erstaunlicher und fast schon als eine Zumutung könnte das Vorgehen Jesu erscheinen, sein kaum begonnenes Werk nach seiner Auferstehung einfach seinen Jüngern zu überlassen und diese kurzerhand und ungefragt zu beauftragen, es fortzuführen. Im Folgenden soll der „Missionsbefehl“ im Johannesevangelium ein wenig genauer betrachtet werden, weshalb sich auch die meisten Aussagen und Bibelstellen auf das Johannesevangelium (nur mit Kapitel- und Versangabe) beziehen.

„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (20, 21)

Jesus greift mit dieser Sendung zurück auf sein Hohepriesterliches Gebet, in dem er seinem himmlischen Vater bereits gesagt hatte: „Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt“ (17,18). Nach seiner Auferstehung sagt er es schließlich auch seinen Jüngern: „Wie mich der Vater ... so ich euch ...“ Dies zeugt von einem planvollen Vorgehen. Jesus ist durch seinen Tod am Kreuz keineswegs überrascht oder mittendrin unterbrochen worden. Im Gegenteil, gerade dadurch, dass er diesen Tod stellvertretend für uns auf sich genommen hat, konnte er – am Kreuz hängend – als Letztes sagen: „Es ist vollbracht“ (19,30). Man könnte auch übersetzen: „Es ist erfüllt“ oder „ans Ziel gebracht“ (griechisch „Telos“ = „Ziel“). Um zu beschreiben, was dieses „Es“ ist, könnte man ganze Regalwände füllen. Aus lauter Liebe zu den von ihm geschaffenen Menschen schickte Gott seinen einzigen Sohn in diese Welt, um sich uns bekannt zu machen (1,18). Jesus wurde Mensch und brachte Gottes Licht in unsere Dunkelheit (1,4), nahm unsere Sünden auf sich (1,29), um uns durch den Glauben an ihn ein neues, über die Maßen besseres (10,10; 7,38), ewiges Leben zu schenken (3,16). Diejenigen, die zu ihm gehören, dürfen sich in seiner Hand geborgen wissen (10,26) und werden in Ewigkeit bei ihm sein (17,24). In seinem Gebet bringt Jesus sein Werk folgendermaßen auf den Punkt: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue ... Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart“ (17,4.6).

Gesandt wie Jesus ...

... mit dem gleichen Auftrag

Das Werk Jesu fortzuführen, bedeutet also, den Menschen diesen Gott zu offenbaren, und zielt nicht in erster Linie darauf ab, die Gesellschaft zu verbessern, das Elend zu beseitigen, der Welt etwas zu „bieten“ und schon gar nicht darauf, den Himmel auf Erden in welcher Gestalt und mit welchen Mitteln auch immer (zum Beispiel der Verführung oder der Gewalt) herbeiführen zu wollen. Mission ist in erster Linie unser Reden von Gott, so wie auch Gott selbst durch seinen Sohn zu uns geredet hat (1,18; Hebräer 1, 2), der ja das personifizierte Wort Gottes ist (1, 1.14).

Aber ist überhaupt jemand fähig, über Gott zu reden, außer Jesus selbst, der Mensch-gewordene Sohn Gottes? Ist das nicht abermals eine Zumutung, weil es eine maßlose Überschätzung von uns Menschen ist? Jesus sagt von sich selbst: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (5,24). Jedoch sagt er auch von seinen Jüngern: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lukas 10,16). Demnach sollen Menschen durch das Wort der Jünger Jesu zum Glauben an ihn und somit zum Glauben an den Vater kommen (12,44; 14,1; 17,3.20). Was also haben Jesusnachfolger zu sagen?

... mit der gleichen skandalösen Botschaft

Das ganze Johannesevangelium ist geschrieben, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (20,31). Aber ist dies den Menschen zumutbar, dass Gott einen Sohn hat, der Mensch geworden ist? „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (17,3). Kann man heute noch sagen, dass es nur einen einzigen wahren Gott gibt? „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm“ (3,36). Ist es der modernen und aufgeklärten Gesellschaft zumutbar, dass ein liebender Gott Gehorsam fordert und zornig ist?

Schon damals war der gekreuzigte Christus den Juden ein Ärgernis (griechisch „Skandalon“) und den Griechen (also allen Nicht-Juden) eine Torheit (1. Korinther 1,23), was Paulus mehrmals fast das Leben gekostet hätte (2. Korinther 11,23ff.). Für diejenigen jedoch, die seiner Guten Botschaft Glauben schenkten, war das Evangelium eine errettende Kraft Gottes (1. Korinther 1,18; Römer 1,16). Das Reden von Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes, war noch nie einfach, in der multireligiösen Welt von damals genauso wenig wie in der pluralistisch-religiös-säkularen von heute. Die Frage ist, ob wir uns diese rettende Botschaft in seiner ganzen Konsequenz zu eigen machen wollen. Sie ist zwar eine Einladung zum Leben (7,37), aber sie hat auch gravierende Konsequenzen für den, der sie ablehnt. Deshalb ist ihr exklusiver und universaler Anspruch auch eine Zumutung, ihre Verkündigung ein „Skandal“, was für uns Christen in Deutschland meist nicht mehr als schräge Blicke nach sich zieht, in anderen Ländern dieser Welt hingegen bis zum Verlust des irdischen Lebens führen kann.

... in die gleiche feindliche Welt

Jünger Jesu sind „in der Welt“ (17,11), aber nicht „von der Welt“ (15,19; 17,14.16). Ohne darin einen Grund für eine sektiererische Isolation von der Welt und der Gesellschaft zu haben, müssen wir dennoch wissen, dass unsere Umgebung eine feindliche ist. Der Evangelist Johannes beschreibt die Welt als einen Ort der schuldhaften Finsternis, der Blindheit, der Orientierungslosigkeit und der Sünde (1,29; 3,19; 7,7; 8,12; 9,39-41; 1. Johannes 2,2.15-16). Sie ist ein Ort, in dem Satan als „Fürst dieser Welt“ (12,31; 14,30; 16,11) mit seiner Macht alle Wünsche, Motivationen und Prinzipien beeinflusst (8,44; 17,15; 1. Johannes 2,15-16; 5,19). Schon der aufrichtige Blick in unser eigenes Herz oder der Blick auf die aktuelle politische Lage bestätigt diese Beschreibung und gibt keinen Anlass anzunehmen, dass die Welt heute eine andere ist als damals.

Dies sollte uns jedoch nicht zu Angst verleiten, sondern von Illusionen befreien und die Augen dafür öffnen, was wirklich Anlass gibt zu Zuversicht und Trost: die Bitte Jesu an seinen Vater, diejenigen vor dem Bösen zu bewahren (17,15), die seine Kinder geworden sind (1,12), und seine Zusage: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (16,33). Jesus ermutigt uns zu einer realistischen Sicht auf die Welt und zu einer begründeten Hoffnung. Diese Welt ist jedoch nicht nur eine feindliche, sie ist auch eine dunkle Welt, die das Licht braucht, das Jesus selbst ist (8,12; 9,5; 12,46) und das seine Jünger und seine Gemeinde weitertragen und auch selber sein sollen (Matthäus 5,14). Deshalb muss unabhängig davon, dass die Welt eine feindliche Einstellung gegenüber dieser Botschaft hat, festgehalten werden, dass auch die Gemeinde ihrerseits im Kontrast zur Welt bleiben muss, will sie ihre Funktion für die Welt als Licht wahrnehmen können. Wird die Gemeinde selbst zur Welt, hat sie vielleicht deren Anerkennung gewonnen, aber ihre eigene Wirkung verloren und der Welt somit nichts mehr zu geben (Matthäus 5,13). Sind wir also auf Schmusekurs oder auf Konfrontationskurs mit der Welt? Weder noch. Wir sollen weder die Anerkennung noch den Widerspruch an sich suchen. Jesus schickt uns stattdessen auf Rettungskurs, was sowohl die Annahme durch die Welt (4,39.41), als auch ihre Ablehnung mit sich bringt, weil die Menschen ihrem eigenen Wesen nach die Finsternis mehr lieben als das Licht (3,19).

... in der gleichen Abhängigkeit

Wie schon mehrfach angeklungen, geht es darum, dass Menschen durch den Glauben an den Sohn Gottes vom Tode zum ewigen Leben hindurchdringen (5,24). Gleichzeitig gilt das Wort Jesu: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater“ (6,44.65). Weder der Hörende kann also von sich aus zum Glauben finden, noch kann es der Verkündigende von sich aus bewirken, geschweige denn ewiges Leben schenken. Was aber bei Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Lukas 18,27). Sogar Jesus, der Sohn Gottes, hat in erstaunlicher Weise diese Beziehung der Abhängigkeit vom Vater gelebt. Er, der selbst Gott war, suchte selbstlos und hingebungsvoll danach, Gott den Vater zu verherrlichen, sich seinem Willen unterzuordnen und ihn groß zu machen. Jesus kannte seinen Vater aufs Innigste und pflegte einen sehr vertrauten Umgang mit ihm. Weil er so sehr eins war mit dem Vater (17,21-22), konnte und wollte er nichts von sich selbst aus tun, sondern tat nur, was er den Vater tun sah (5,19). Er wirkte, weil sein Vater am Wirken war (5,17), und dieser zeigte seinem Sohn alles, was er selbst tat, weil er ihn liebte (5,20). Diese innige Gemeinschaft hat Jesus zutiefst erfüllt und gestärkt wie eine Speise (4,34). Wenn sogar Jesus ganz bewusst in dieser Abhängigkeit von Gott stand, sollten dann seine Jünger über ihrem Meister stehen und sich dieser Abhängigkeit entziehen wollen? Jesus wünschte sich, dass seine Jünger in der gleichen Beziehung zu ihm leben, wie auch er sie zum Vater hatte: „Bleibt in mir und ich in euch ... denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (15,4.5), sagt Jesus.

Und dennoch …

Die Botschaft von Jesus ruft bis heute Unverständnis und Ärger hervor. Trotzdem muss Gottes Liebe zu den Menschen gebracht werden. Diese Liebe hat ihn ja überhaupt veranlasst seinen Sohn zu den Menschen zu schicken, um deren Sünden auf sich zu nehmen (1,29) und ihnen ewiges Leben zu geben (3,16; 1. Johannes 3,1).

Gottes Liebe treibt auch uns zu den Menschen, um von ihm zu reden. Dabei ist Jesus das Vorbild, das bereit war, seine himmlische Herrlichkeit hinter sich zu lassen und sich ganz auf die Menschen einzustellen, indem er einer von ihnen wurde, ihre Sprache sprach, ihre Kultur teilte, mit ihnen Feste feierte, gesellschaftliche Barrieren durchbrach und große Distanzen zu Fuß zurücklegte, um Menschen nahe zu sein und ihnen das Heil anzubieten.

Betrachtet man die heutigen Möglichkeiten, wird auch der verwunderliche Ausspruch Jesu auf eine Art verständlich: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun“ (14,12). Der Druck von Büchern und Zeitschriften sowie Hörbücher, Radio und Internet machen es möglich, die Botschaft Gottes nicht nur in der unmittelbaren Umgebung zu verbreiten, sondern in der ganzen Region, im ganzen Land, ja sogar auf der ganzen Welt.

Und es gibt noch ein anderes Reden von Gott, das Reden in Taten, welches nicht hinter unseren Worten zurückbleiben darf. „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe“, denn „daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (13,34-35). Der Umgang miteinander im Berufsalltag, in der Gemeinde oder in der Familie hat schon so manchen das Wirken der Liebe Gottes erkennen lassen, sodass er Jesus in sein Herz aufnahm.

Mag die Welt auch noch so feindlich, mag die Botschaft für den Großteil der Menschen noch so ärgerlich sein, so gilt dennoch auch heute noch: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (1,12). Ist das nicht aller Mühe wert und wahres Glück, von Gott gebraucht zu werden und sein Wirken zu erleben?

... ist Jesus bei uns

Bei allen Schwierigkeiten der Mission dürfen wir wissen und erfahren, dass unsere Sendung eingerahmt ist von zwei Dingen. Unmittelbar bevor Jesus seine Jünger aussendet, spricht er ihnen zu: „Friede sei mit euch!“ (20,20). Jesus gibt den Frieden, den er zuvor schon verheißen hat: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“ (14,27; 16,33). Jesus kennt die Herzen und die Situation seiner Jünger. Er kennt ihre Verzagtheit, ihre Angst, ihre Resignation. Er tritt mitten in den Raum, in den sich seine Jünger nach seiner Kreuzigung ängstlich eingeschlossen hatten. Er kommt durch verschlossene Türen, nichts kann ihn ausschließen, nicht einmal die Jünger selbst. So tritt er auch mitten in unser Leben, mitten in unsere Angst und Verzagtheit, mitten in unsere Ungewissheit in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Er tritt in unser Leben und schenkt uns seinen Frieden, den wir auch zu denen bringen sollen, die ihn noch nicht kennen.

Dazu verspricht er seinen Jüngern unmittelbar nach seinen Aussendungsworten den Heiligen Geist (20, 22), damit dieser in uns und durch uns das Werk des Sohnes fortführt: „Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (14,26; vergleiche 15,26). Jesus machte sich also nicht einfach aus dem Staub, als er wieder zum Vater ging. Durch seinen Heiligen Geist ist er weiterhin mit uns. Er geht mit uns. Und wir dürfen mit ihm gehen, damit auch die anderen Menschen den guten Hirten (10,11) kennenlernen und sich vom Brot des Lebens sättigen können (6,35).

Gekürzte und leicht geänderte Fassung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der Originalartikel ist in "Licht im Osten, Ausgabe 3.2016“ erschienen.

Extrakt

Jesus Christus hat die Einladung Gottes an alle als erster überbracht und den Weg frei gemacht. Jetzt sind diejenigen mit der Fortsetzung der Botschaft beauftragt, die selbst die lebensrettende Einladung angenommen haben. Die Botschaft ist genauso skandalös geblieben, die Welt genauso feindlich und dunkel und der Überbringer der Einladung ins Licht genauso abhängig von Gott. Aber Jesus gibt doppelte Schützenhilfe, seinen Frieden und seinen Heiligen Geist und - er geht selbst mit.
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16.10.2018
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