Provokant, weise und praktisch – das ist das Predigerbuch

Nach Vorträgen von Dr. Walter Hilbrands während der Hauptkonferenz 2019 in Willingen.

Eine gute Reise durch das Predigerbuch – dies konnten die Teilnehmer bei der letzten Hauptkonferenz mit Dr. Walter Hilbrands erleben. Dabei wurde so mancher Stolperstein aus dem Weg geräumt und stattdessen „Perlen der Weisheit“ entdeckt. Ein paar wichtige Kostarbeiten aus dem Predigerbuch sollen nun noch einmal festgehalten werden. Denn es ist ein Buch, das um das Leben weiß und vieles benennt, was uns tagtäglich betrifft: Umgang mit Zeit, mit Geld, mit Arbeit, mit Genuss, mit meinem Nächsten, mit dem Ehepartner und einiges mehr.

Der Prediger – pessimistisch oder optimistisch?

Es gibt wohl kein Buch im Alten Testament, bei dem die Deutungen so weit auseinanderklaffen wie beim Predigerbuch. Da gibt es auf der einen Seite die pessimistische Auslegung – und das ist die Mehrheit –, die den Prediger als Skeptiker sieht und das gesamte Buch negativ deutet. Demgegenüber gibt es ein paar wenige positive Ausleger, die ihn als „Prediger der Freude“ sehen: Sie betonen die Majestät Gottes oder sehen indirekt eine Vorbereitung auf den Messias.

Hilfreiche Lesetipps

Wer das Predigerbuch lesen und studieren möchte, der bekommt nun ein paar Tipps an die Hand für die aufkommenden Fragen, wie das Buch von seiner Absicht her einzuordnen ist. Überwiegt das Negative? Oder doch eher das Positive? Ist die Absicht vielleicht „durchwachsen“?

Der Vers „Es ist alles ganz eitel!“ rahmt das gesamte Buch ein (1,2 und 12,8). Es bedeutet, dass alles unter der Sonne vergänglich ist. Der Prediger beobachtet hier die säkulare Welt. Dabei kommt das Wort eitel (Lutherübersetzung) 38 Mal im Buch vor und prägt es damit grundlegend. Es bedeutet „Windhauch“ und steht für „nichtig, vergänglich“; es steht nicht für „selbstgefällig“ im Sinne von „eitel“, vielmehr beschreibt es etwas, das nicht greifbar ist. Zwischen den Rahmenversen taucht sieben Mal die Aussagen wie ein Refrain auf: „Ist’s nun nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei bei seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes“ . Er betont die Freude in der Mühe. Darüber hinaus gibt es noch den Ausdruck Haschen nach Wind; das ist der Versuch, etwas zu greifen, was nicht greifbar ist. Dieses Haschen kommt jedoch nur in der ersten Buchhälfte neun Mal vor bis Kapitel 6,9. Auch existieren im ersten Teil des Buches vorwiegend Beobachtungen zum (negativen) Leben, die erst einmal vorläufig sind; hier sollte noch keine Wertung über das gesamte Buch erfolgen. Wer einen langen Atem hat und weiterliest, wird merken, dass der Ton in der zweiten Buchhälfte positiver wird und die Beobachtungen des Predigers neu bewertet werden. Darin nämlich wendet er sich der offenen Frage zu: Was bleibt als Gewinn angesichts der Nichtigkeit?

Der Prediger zeigt die Realität des Lebens auf

Dr. Walter Hilbrands sieht wohl viele negative Züge im Buch, weil der Prediger das Leben wahrnimmt, wie es ist: ohne rosarote Brille. Er beschreibt das Leben in seiner Gebrochenheit und Hinfälligkeit. Es gibt große Kämpfe, die man auch als Christ hat, und wo man auch die Nähe Gottes nicht spürt. Der Tod ist so ein Beispiel; auch für Christen kann dies ein schwerer Kampf mit großen Ängsten sein. Beim Prediger gibt es Raum für Schweres, und das ist gut!

Der Prediger weiß auch um die Sünde des Menschen, die ihn prägt. Ein Sünder verdirbt viel Gutes, „das ist wie eine Fliege“, sagt er beispielsweise, „die das Öl des Salbenmischers stinkend macht“ (10,1). Es existiert also viel Dunkles im Leben, aber eben nicht nur. Es gibt auch viel Gutes, das sich gestalten lässt. Und diese Polarität ist so wertvoll am Predigerbuch: Es zeigt sowohl die Realität des Lebens als auch die Perspektive Gottes, weise durchs Leben zu gehen.

Der Prediger stellt die Weisheit als Übung vor

„Weisheit ist die Übung, dass man im Licht der Erfahrung Wahrheit auf sein Leben anwendet“, so die Weisheits-Definition der Autoren Fee/Stuart im Buch „Effektives Bibelstudium“. Weisheit stellt sich nicht einfach so ein. Sie ist nichts Statisches; etwas, das man ein für alle Male „intus“ hat. Sie ist eher ein Prozess, eine Dynamik. Ein Merkmal weiser Menschen ist es beispielweise, zuhören zu können: etwa alte Menschen, die ein offenes Ohr haben und dann – an geeigneter Stelle – Rat geben können. Dies kann auch bereits für junge Menschen zutreffen. Jedoch gibt es hier keinen Automatismus. Weisheit muss immer wieder neu erworben werden, wie es in Sprüche 4,7 heißt: „Der Weisheit Anfang ist: Erwirb dir Weisheit! Und mit allem, was du erworben hast, erwirb dir Verstand!“

Der Weise lässt sich raten

In Sprüche 9,8-9 steht: „Rüge nicht den Spötter, damit er dich nicht hasst; rüge den Weisen, so wird er dich lieben. Gib dem Weisen, so wird er noch weiser; belehre den Gerechten, so lernt er noch mehr!“ Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht: Es gibt Menschen, die sich einfach nichts sagen lassen! Sie sind quasi immun gegen jegliche Kritik. Nicht so der Weise – er kann Korrektur annehmen. Wie steht es da um einen selbst? Lässt man sich raten? Auch im Jakobusbrief wird der Weise als jemand beschrieben, der kritikfähig ist (Jak. 3,17 ). Gute Kritik bietet dem Weisen die Möglichkeit noch mehr zu lernen, damit nimmt seine Weisheit weiter zu.

Der Weise fürchtet Gott

Die Aufforderung, Gott zu fürchten, taucht an vielen Stellen beim Prediger auf. Damit ist das Konzept des Glaubens und Vertrauens gemeint, wie wir es aus dem Neuen Testament kennen. Wir können nicht alles verstehen, daher ist Gottvertrauen gefragt. Gott ist ein heiliger Gott, dies macht uns das alttestamentliche Predigerbuch auch deutlich, er ist nicht einfach Bruder, Freund und Kumpel, er ist außerdem Richter. In Jesus ist er uns nahegekommen, jetzt können wir im Glauben, in der Gottesfurcht befreit leben und das reicht bis in die Ewigkeit. Gott zu fürchten bedeutet in der Verantwortung vor Gott zu leben, sein Wort und seine Gebote hoch zu achten und mit ihm zu leben, auch wenn man nicht alles versteht.

Der Weise genießt das Leben als Gabe Gottes

Wer das Leben genießen kann, kann sich glücklich schätzen! Wie ein Refrain zieht es sich sieben Mal durch das gesamte Predigerbuch: „Wer kann essen und trinken ohne mich!“ Gott schenkt die Freude, sie soll das ganze Leben begleiten. Auch die Fähigkeit zu genießen, kommt von Gott. Es ist gar nicht selbstverständlich, dass man genießen kann. Dabei darf die Freude in der Mühe da sein – als kleine Oasen beispielsweise –, nicht immer nur anschließend nach einer schwierigen Zeit. Der Prediger betont auch die Freude am Ehepartner als ein wunderbares Geschenk: „Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, alle Tage deines Lebens“ (9,9). Gott selbst hat die Ehe erfunden, und das schon vor dem Sündenfall! Der Weise genießt das Leben auch in der Mühe In Kapitel 2ff werden die großen Leistungen Salomos, die Ergebnisse seiner Arbeit und Schufterei ausführlich vorgestellt: Ob Häuser, Parkanlagen, Pferde oder Frauen – von allem hatte er mehr als reichlich. Dabei drehte sich alles um ihn selbst: „Ich baute…, ich pflanzte…, ich besorgte mir, ich häufte.“ Er stellt dann selbst fest, dass auch dieser eigenmächtige Versuch ein Haschen nach Wind ist. Dann kommt aber etwas Positives hinzu. Die Weisheit hilft nämlich, gut durchs Leben zu gehen: „Der Weise hat seine Augen im Kopf, der Tor aber wandelt in der Finsternis“ (2,14.) Und nach dieser Reflexion über seine Arbeit taucht zum ersten Mal im Buch der Refrain auf: „Es gibt nichts Besseres für den Menschen als dass er isst und trinkt und Gutes genießt in seiner Mühe“ (2,24-26). Wichtig ist hier das Wörtchen „in“. Wie oben schon erwähnt: In der Mühe, nicht etwa erst am Wochenende oder im Urlaub oder in einem sogenannten „entspannten“ Lebensabschnitt lohnt es sich, das Leben zu genießen. Jetzt ist die Zeit dafür!

Alles hat seine Zeit

Kapitel drei, „Alles hat seine Zeit“, ist wohl ein sehr bekanntes Kapitel. Alles läuft in Raum und Zeit ab. Es geht da erst einmal um ganz Elementares (Vers 1-2), etwa um Tod und Geburt als festgesetzte Zeiten. Darüber hinaus gibt es auch Zeiten, über die der Mensch verfügen kann (ab Vers 3): Zeit zu bauen – Zeit niederzureißen. Der Prediger benennt weiter die Zeiten für unterschiedliche Empfindungen: Zeit zu lachen – Zeit zu weinen. Das Leben ist abwechslungsreich! Es werden auch ganz alltägliche Dinge genannt: Zeit zu suchen – Zeit zu finden. Ab Vers sieben kommen dann die schweren Zeiten zu Wort: Zeit zu zerreißen – das meint die Kleider zu zerreißen vor Trauer – aber auch wieder Zeit zusammenzunähen. Wieder zeigt der Prediger die Polarität des Lebens. Und das schließt auch Zeiten des Klagens mit ein. Wenn man in diesem Zusammenhang an Hiob und seine Freunde denkt, kann das Klagen oder Schweigen in sehr schweren Zeiten sogar die einzig angemessene Reaktion sein.

Der Umgang mit Geld

Das Kapitel fünf widmet sich dem Thema Geld. Und das von einem Mann, der unermesslich reich war! Einer, der hier die Grenzen überschritt, denn ein israelitischer König sollte sich keine Reichtümer anhäufen (5. Mose 17). Seine Versuche, durch Geld Befriedigung zu schaffen, scheitern dann auch kläglich. „Wer Geld liebt, wird vom Geld nicht satt“ (Prediger 5, 10). Auch hat das letzte Hemd keine Taschen. Geld kann einen sogar schlecht schlafen lassen. Entweder, weil man sich sorgt, wie man es vermehren kann, oder weil man es verlieren kann. Fast neidisch blickt der Prediger auf den Arbeiter, über den er dichtet: „Süß ist der Schlaf des Arbeiters, ob er wenig oder viel isst; aber der volle [Bauch] des Reichen lässt ihn nicht schlafen“ (5,11). Und wieder stellt er sich die Frage:

Was bleibt als Gewinn?

Der Weise wird jetzt aktiv und investiert in die Zukunft

„Wirf dein Brot aufs Wasser, denn nach vielen Tagen wirst du es finden“ (11,1). Dies ist wohl der schwierigste Vers im Predigerbuch. Wahrscheinlich wird hier auf die Sitte in Israel angespielt, in der noch auf die feuchte Erde gesät wurde, ehe die Trockenheit kam. Mit den „vielen Tagen“ ist einfach die Zeit gemeint, die die Saat naturgemäß für das Aufgehen benötigt. Auf das Leben angewandt, ermutigt dieser Vers dazu, jetzt aktiv zu werden und zu investieren. Wer immer auf den „richtigen“ Zeitpunkt zur Aussaat wartet, der verpasst den guten Zeitpunkt, weil die Saat dann schon vertrocknet sein kann. „Was Gott dir vor die Füße legt, das führe aus!“ Da, wo Gott uns hinstellt, das tue mit ganzem Herzen und vollem Einsatz! Jetzt ist die Zeit zu handeln, denn man weiß nicht, was später kommt!

Es ist gut weise zu sein

Was bleibt nun dem Menschen als Gewinn, gerade auch angesichts seiner Mühe? Zum einen, wie schon gesagt: Gerade in der Mühe das Schöne zu genießen. Zu wissen, dass Gott in der Schöpfung alles gut gemacht hat und der Mensch zu ihm gehört. In seinen eigenen Mühen wird er keine Befriedigung finden, er wird auch nicht alles verstehen. Ruhe findet er bei Gott, der auch die Ewigkeit in den Menschen gelegt hat. Ihn gilt es zu fürchten, ihm kann man vertrauen; das ist der Startschuss für die Weisheit. In der Gottesfurcht darf der Mensch die Weisheit als Orientierung schätzen: „Denn der Weise hat seine Augen im Kopf. Er läuft nicht gegen jedes Hindernis“ (2,14). Weisheit hilft das Leben zu meistern. Sie ist auch eine Übung, bei der man Fehler machen kann – für Gott kein Problem! Denn er schenkt immer wieder Vergebung. Auch das ist wunderbar: Jeden Morgen dürfen wir neu anfangen und täglich vergibt uns Gott.

Zusammenfassung

Hilfreiche Lesetipps und einige Kostbarkeiten aus dem Predigerbuch
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